Natur im Quartier – Biodiversität beginnt vor der eigenen Haustür

Natur im Quartier – Biodiversität beginnt vor der eigenen Haustür

«Welche Vogelart ist heute die häufigste in der Schweiz?» Mit dieser Frage eröffnet Jacques Studer seine Führung. Rund 35 Interessierte, darunter auch einige Kinder, sind am Samstag, 26. September, der Einladung von WIER SEISLER  und KUND nach Burgbühl in St. Antoni gefolgt. Der Biologe Jacques Studer zeigte, wie sich auch dort, wo Menschen wohnen, mehr Artenvielfalt fördern lässt – fachkundig, unterhaltsam und mit einem ausgeprägten Sinn für überraschende Details.

Die Antwort auf seine Einstiegsfrage lautet übrigens: die Mönchsgrasmücke. Noch vor einem halben Jahr war der Buchfink an der Spitze. Warum der Wechsel? Die Mönchsgrasmücke hält sich gerne in Sträuchern auf, während der Buchfink stärker an Bäume gebunden ist. Hier zeigt sich eine Folge der vergangenen Jahre: Der Baumbestand ist in der Schweiz durch die zunehmende Trockenheit stärker unter Druck geraten. Sträucher und Büsche waren davon weniger betroffen.

Mit offenen Augen durch den Park

Der Rundgang beginnt mit Blicken über Burgbühl, das Herrenhaus und den Park. Schon bei den ersten Bäumen gibt es Überraschendes. Die Eibe etwa, heute eine ausgezeichnete Alternative zur allgegenwärtigen Thujahecke, ist hochgiftig. Früher wurde ihr Holz unter anderem für Bögen und Armbrüste verwendet. Anders verhält es sich mit dem Kirschlorbeer: Immergrün und pflegeleicht, aber ökologisch nutzlos, wurde seine Neuanpflanzung inzwischen verboten. Wer nun beginnt, seinen eigenen Garten gedanklich neu zu bepflanzen, ist mitten im Thema.

Eine grosse Wiese im Park soll künftig zur Blumenwiese werden. Einfach bunte Samentütchen ausschütten, oder? Was für unser Auge schön aussieht, ist für die heimische Tierwelt nicht unbedingt wertvoll – viele Mischungen enthalten Pflanzen, die nicht aus unserer Region stammen. Studers Rat: Geduld. Eine Wiese kann sich selbst entwickeln, wenn man sie nur zwei- bis dreimal jährlich mäht, den letzten Schnitt möglichst spät. Wer nicht zehn Jahre warten will, kann auf regionales Saatgut zurückgreifen.

Besonders eindrücklich wird es bei den Bäumen. Eine Eiche kann Lebensraum für rund 600 verschiedene Tierarten bieten. Auch Salweide, Birke, Zitterpappel und Buche sind wertvoll. Der Salweide widmet Studer besondere Aufmerksamkeit: Sie wächst schnell, verträgt Trockenheit, blüht früh und liefert Bienen Nahrung, wenn das Angebot noch knapp ist. Ein «Zukunftsbaum»! Doch auch hier gilt: Eine Monokultur aus einer einheimischen Baumart bleibt eine Monokultur. Vielfalt innerhalb der Vielfalt ist gefragt.

Vielfalt statt einfacher Lösungen

So wird auch eine prächtige amerikanische Roteiche zum Anschauungsobjekt. In der Schweiz ist sie derzeit nicht als problematischer invasiver Neophyt bekannt, während sie sich in Deutschland bereits ausgebreitet hat. Und die beliebte Robinie? Sie ist zwar eine ausgezeichnete Bienenweide, aber zugleich ein invasiver Neophyt. Honigbienen sind übrigens wenig wählerisch und deshalb kein verlässlicher Indikator für Biodiversität. Als Alternativen nennt Studer neben der Salweide die Hängebirke und die Hainbuche. Mit einem Vorurteil räumt der Biologe ebenfalls auf: Efeu schädigt den Baum keineswegs, sondern schützt den Stamm und bietet zusätzlich Nahrung für die Efeu-Seidenbiene.

Auch bei den Hecken gibt es Interessantes zu entdecken. Eine vielfältige Mischung verschiedener Sträucher ist ökologisch wertvoller als eine Monokultur. Weissdorn beispielsweise bietet Vögeln und ihrer Brut mit seinen Dornen Schutz vor Fressfeinden. Die lange Buchenhecke daneben ist zwar einheimisch, aber dennoch eine Monokultur. Der radikale Rückschnitt wiederum schafft durch bizarre Wuchsformen unbeabsichtigt interessante Verstecke und Nistmöglichkeiten.

Totholz gehört inzwischen zu einem naturnahen Garten. Ein aufgeschichteter Asthaufen muss dabei keineswegs ungepflegt aussehen. Studer zeigt das Foto eines sorgfältig geschichteten, geradezu architektonisch wirkenden Asthaufens in einem historischen Garten. Biodiversität und Ästhetik reichen sich die Hand.

Bei den beliebten «Insektenhotels» lohnt sich ebenfalls ein genauer Blick. Viele handelsübliche Holzkästen sehen zwar hübsch aus, sind für zahlreiche Wildbienenarten aber ungeeignet. Ein dekoratives Insektenhotel ist deshalb noch keine wirksame Biodiversitätsförderung.

Ein Rundgang, der den Blick verändert

Wer hätte gedacht, dass rund ein Drittel der Wildbienenarten parasitisch lebt? Auch über eine besonders raffinierte Wespenart erfahren die Teilnehmenden Erstaunliches: Sie lähmt Spinnen, ohne sie zu töten, und legt sie als Nahrung für ihre Nachkommen ab.

Nach fast zwei Stunden voller überraschender Fakten, praktischer Tipps und humorvoller Anekdoten sieht man die Umgebung nicht mehr ganz mit denselben Augen. Vielleicht ist dies die wichtigste Erkenntnis des Rundgangs: Biodiversität lässt sich nicht nur durch das Pflanzen «biodiverser» Pflanzen fördern. Entscheidend ist auch das Verständnis für die faszinierenden Beziehungen zwischen Pflanzen, Tieren, Standort und Bewirtschaftung.

Die Führung endete mit einem Apéro. Bei sonnigem Wetter liessen die rund 35 Teilnehmenden – darunter auch einige Kinder – den Vormittag in der schönen Umgebung von Burgbühl ausklingen.

Ein herzlicher Dank an Jacques Studer für seine engagierte, kenntnisreiche und humorvolle Führung – und an WIER SEISLER für die Organisation und Kooperation mit KUND für diesen anregenden und lehrreichen Samstagvormittag!